Eine Karte ist kein Abbild einer Sache, sondern ein Versprechen über sie. Wer eine Karte zeichnet, sagt: so weit reicht meine Aufmerksamkeit, und keinen Schritt weiter. Diese hier reicht von den drei Schwestern im Rätikon über das Stammhaus an der Herrengasse bis hinunter zu einem hundertjährigen Eichbaum an einem Vorarlberger Hügel. Was außerhalb dieses Kreises liegt, gehört anderen Häusern.
Im Zentrum: die Herrengasse 30, neunhundertneunzig Meter unterhalb des Schlosses Vaduz, in einem Bürgerhaus mit grünen Läden und einem hipped roof. Hier sitze ich an den Tagen, an denen ich nicht in Singapur sitze. Die Postanschrift heißt c/o Equanimity AG; die Tür ist eine Holztür mit einem blechernen Schild, auf dem die Zahl 30 steht.
Im Norden — Das Rätikon. Die drei Schwestern, vom Büro aus auf der gegenüberliegenden Talseite zu sehen. Sie erinnern jeden Morgen daran, dass ein Mensch, der lange in eine Linie schaut, irgendwann selbst eine Linie wird.
Im Nordosten — Die Lehre. Die Lackiererei der Liebherr-Werke in Nenzing, in der ich von 2005 bis 2008 gelernt habe, eine Fläche zweimal grundieren zu müssen, bevor sie wirklich grundiert ist. Eine Lektion, die in Excel-Tabellen genauso gilt wie im Stahlbau.
Im Südosten — Das Logbuch. Das gebundene Heft, in dem ich datierte, anonymisierte Notizen aus der Arbeit führe. Ein Drittel davon erscheint hier, im Kapitel zwei. Die anderen zwei Drittel bleiben dort, wo sie hingehören: zwischen mir und den Patriarchen.
Im Süden — Die Sprechstunde. Ein Ohrensessel, ein Glas Wasser, ein leerer Notizblock. Die wenigen Stunden in der Woche, in denen ich am Telefon erreichbar bin, und die einzelnen Termine, in denen ich an Ihrem Küchentisch sitze.
Im Südwesten — Der Hafen. Der Bodensee, ostwärts von Bregenz. Ein kleines hölzernes Boot an einer Steinmole. Es gehört nicht mir, aber ich besuche es häufig genug, um den Stein an der Anlegestelle als Bekanntschaft zu zählen.
Im Nordwesten — Der Stein. Eine Eiche auf einer Vorarlberger Wiese, mit einer niedrigen Trockensteinmauer im Vordergrund. Sie ist hundert Jahre alt, vielleicht zweihundert. Wer sie pflegt, denkt nicht in Quartalen. Das ist die einzige Form von Vermögensverwaltung, die ich anbiete.
Ein siebter Punkt, der nicht auf der Tafel verzeichnet ist — Arosa
Im Nordosten der Karte, wo sie aufhört, beginnt das Schanfigg-Tal. Auf 1 800 Metern liegt Arosa — jener kleine, unaufdringliche Hochalpenort, in den deutschsprachige Familien gehen, wenn sie weder Sankt Moritz noch Davos wollen. Im Winter, wegen der Sicherheit. Im Sommer, weil dann fast niemand mehr da ist. Vielleicht kennen Sie das Tschuggen Grand oder das Kulm. Vielleicht verbringen Sie eine oder zwei Wochen im Jahr dort. Wenn das so ist, dann komme ich zu Ihnen — mit der Bahn von St. Margrethen über Chur, in zweieinhalb Stunden ab Vaduz. Eine Sprechstunde im Stuhl der Hotelbibliothek zählt mehr als drei Telefonate.
Und es gibt in Arosa — das soll nicht ungesagt bleiben — Anna Jelen. Anna ist normalerweise nicht zu sprechen. Sie ist teuer und schwer zu erreichen, und so gehört es sich auch. Aber wenn Sie eine Stunde lang mit ihr in einem Zimmer gesessen haben, wird die Welt eine andere sein — nicht weil sich die Welt geändert hätte, sondern weil Anna eine der wenigen Personen ist, die einen Menschen still stellen kann. Wir kennen sie. Wenn es passt, vermitteln wir — eine ausführliche Vorstellung liegt im Hafen.
Ein zweiter Liegeplatz — Singapur
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