Sie haben das Leben einer ganzen Belegschaft auf Ihren Schultern getragen, vier Jahrzehnte lang. Sie kennen jede Maschine in Ihrer Halle, den Vornamen jedes Lehrlings und die Handschrift Ihrer ersten Sekretärin. Wenn Sie morgens aufwachen, denken Sie zuerst an die Lohnläufe und dann an Ihre Enkel — in dieser Reihenfolge, weil Sie wissen, dass das eine das andere bedingt. Ich schreibe Ihnen, weil ich vermute, dass niemand in Ihrem Umfeld dieses Verhältnis ganz versteht. Die Banker reden über Multiples. Die Berater reden über Strukturen. Sie selbst reden, wenn überhaupt, mit Ihrem Hund.
Ich heiße Marcel Füssinger, geboren 1989 in Feldkirch in Vorarlberg. Mein Berufsleben begann nicht im Hörsaal, sondern in der Lackiererei der Liebherr-Werke in Nenzing — von 2005 bis 2008 absolvierte ich dort die Lehre zum Industriemaler und grundierte in den Folgejahren Bauteile von Dreh- und Offshore-Kranen für die ganze Welt. Diese Halle war meine erste Schule in Genauigkeit, und ich bin ihr bis heute dankbar.
Seit 2012 arbeite ich aus Liechtenstein heraus als Unternehmer. Eine der ersten Werkstätten, an denen ich mitgebaut habe, war die CloudLab AG in Vaduz, mit Ablegern in Dortmund und Rumänien. Sie brauchte am Ende beinahe ein Jahrzehnt, bis sie verkauft war. Das war keine Geduldsprobe, sondern die eigentliche Arbeit. Heidelberger Druckmaschinen lag zwischenzeitlich ebenso im Raum wie andere strategische Adressen; am Ende wurde es diesen Frühling — nach einer dreijährigen strategischen Beteiligung — der NASDAQ-notierte Cimpress-Konzern, weil dort die Bedingungen für die Gründer so beieinander lagen, wie wir sie brauchten. Wenn eine Übergabe zehn Jahre braucht, dann braucht sie zehn Jahre. Das ist nicht trotz, sondern wegen der Sorgfalt der Hafen, den ich meine.
Kurz darauf entstand in Vaduz ein zweites Gefäß, die Newspaces AG — eine kleine Holding um ein Berliner Vektorgrafik-Werkzeug namens Gravit Designer, das wir für eine kurze Zeit hier im Fürstentum beheimateten und das, in der Rückschau ehrlich gesagt, ein europäisches Figma hätte werden sollen. Es ging zurück nach Berlin, fand seinen Anschluss beim High-Tech Gründerfonds und wurde im Juni 2018 an Corel in Ottawa verkauft — der Preis blieb undgenannt, was an dieser Stelle ein eigenes Wort ist. Eineinhalb Jahre später wechselte Corel selbst für über eine Milliarde an die Private-Equity-Adresse KKR; die Marke Gravit verschwand still aus den Werkzeugkästen ihrer Anwender und überlebt heute, ins Generische geschmolzen, als CorelDRAW Go. Aus dieser zweiten Geschichte habe ich zwei Lehren behalten, die ich seither nie wieder vergessen habe: Potenzial dort zu sehen, wo andere noch nicht hinschauen — diese Witterung ist mir aus jener Zeit geblieben. Und nach dem ersten Verkauf nicht zu verkanten, sondern hungrig zu bleiben — denn was ein Figma hätte werden können und es nicht wurde, vergisst ein Gründer sein Leben lang nicht.
In Singapur halte ich keine Tochter, sondern eine eigenständige Holding für Special Situations — gebaut für Unternehmer, die in Asien etwas ordnen, abwickeln oder erschließen müssen, was sich aus Europa heraus weder durch Berater noch durch Kanzleien bewegen lässt. Und seit 2015 begleite ich unter dem Dach der Equanimity AG die ersten regulierten Tokenisierungen von Aktien und Anleihen im Fürstentum, vom Prospekt bei der FMA bis zum Smart Contract auf der Blockchain. Die ehrlicheren zwei Drittel dieser Arbeit fielen weniger glamourös aus: die Sanierung gescheiterter Emissionen wie Envion oder Curio (mit dem tokenisierten Ferrari F12 TDF), die Wiederherstellung der XiD Technologies in Singapur aus dem Liquidationsengpass, und die diskrete Discovery- und Verteidigungsarbeit für wohlhabende Unternehmer im deutschsprachigen Raum, wenn jenseits einer Grenze plötzlich gefälschte Urkunden oder ein nicht mehr stimmendes Aktienbuch auftauchen. Aus reiner Freude an der Sache führe ich nebenher unter ai-crypto.li ein offenes Notizbuch zu allem, was ich in KI und Krypto lese oder ausprobiere — eine private Werkbank, die niemand bestellt hat. Aus diesen Jahren ist Palaimon Capital entstanden — als Versprechen an mich selbst, einer kleinen Anzahl von Menschen über lange Zeiträume bedingungslos zu dienen, statt vielen für kurze. Palaimon ist der griechische Schutzgott der Häfen, der Fischer und der vom Sturm gezeichneten Seefahrer. Er hilft beim Einlaufen, nicht beim Auslaufen.
Was ich nicht tun werde. Ich werde Sie nicht zu einem Verkauf an eine Heuschrecke drängen, die Ihre Belegschaft in achtzehn Monaten halbiert. Ich werde Ihnen kein strukturiertes Produkt verkaufen. Ich werde Ihnen keine Lebensversicherung andrehen, die ich auf Provision bekomme. Ich werde nicht so tun, als wäre ich eine Bank — die KfW-Studie 488 hat im vergangenen März dokumentiert, was Sie ohnehin schon wissen: das mittelständische Vertrauen in Banken ist in einer Tiefe angekommen, die man nicht mehr durch ein Vorstandsfoto repariert.
Was ich tun werde. Ich werde mich an Ihren Küchentisch setzen und Ihnen zuhören, bevor irgendein Vertrag entsteht. Ich werde den Anruf um halb zwölf nachts entgegennehmen, wenn Ihre Schwiegertochter wegen einer Erbfrage weint. Ich werde die zweihundertfünfzigtausend gegen das Haus refinanzieren, wenn die Hausbank vier Wochen verlangt, in denen Sie keine vier Wochen mehr haben. Ich werde Ihre Stiftung in Liechtenstein begleiten, falls und wenn Sie entscheiden, dass dies der richtige Hafen ist; und ich werde, falls Sie es nicht entscheiden, ebenso ruhig die Alternative bauen.
Wie ich arbeite. Ich arbeite mit sehr wenigen Familien gleichzeitig. Ich brauche lange, bis ich Sie kenne, weil ich es ernst meine. Mein Honorar bemesse ich mandatsweise; einen Teil können wir, wenn Sie es wünschen, in Bitcoin abrechnen — eine Übung in Disziplin auf beiden Seiten. Was ich Ihnen verspreche, halte ich schriftlich fest und zeichne es. Was Sie mir anvertrauen, bleibt zwischen uns; in Liechtenstein hat das eine längere Rechtsgeschichte als im Rest Europas zusammen.
Was Sie hier finden werden. Diese Seite ist absichtlich schmal. Sie hat fünf Kapitel und einen Umschlag. Im Logbuch notiere ich datierte Beobachtungen aus meiner Arbeit — anonymisiert, aber konkret. Auf der Karte liegen unsere beiden Häfen, in Vaduz und in Singapur, und die Personen, mit denen wir den Weg dorthin teilen. In der Sprechstunde finden Sie, wie Sie mich erreichen. Im Geleitbrief ist niedergelegt, was das Haus jenen mitgibt, die unter unserer Flagge fahren. Das ist alles. Wenn Sie nach drei Logbuch-Einträgen das Gefühl haben, dass wir miteinander reden sollten, schreiben Sie mir, oder rufen Sie an. Wenn nicht, wünsche ich Ihnen einen guten Tag und einen ruhigen Hafen.
Stephan Huthmacher hat in einem Interview über die Übergabe von Comma Soft den Satz formuliert, den ich an dieser Stelle gerne wiederhole: « Der Kern meiner neuen Rolle ist, dass ich jetzt noch mehr als bisher statt im Unternehmen verstärkt am Unternehmen arbeite. » Eine Nachfolge ist kein Abschied. Sie ist die nächste Hälfte. Ich helfe Ihnen, sie so zu gestalten, dass Ihr Lebenswerk Sie überlebt — nicht trotz Ihrer Übergabe, sondern wegen ihr.